von Wolfgang Reimer – Dresden
Als eine sichere Bank für Ausfahrten erweist sich der Besuch von Landschaften und Orten, in denen Deutschlands Ingenieure aktiv waren. Also Werkstätten, „Lost Places“ und der Besuch in der Produktion daselbst. Nach dem gelungenen Auftakt des Besuchs der ehemaligen JUNKERS Werke in Dessau mit unserem Partnerstammtisch Berlin-Brandenburg, waren also wir vom Stammtisch Dresden-Elbland an der Reihe. So luden wir ebenfalls über unsere Reviergrenzen hinweg zum Besuch des Stahlwerkes Eisenhüttenstadt und der Stadt selbst ein. Die Zeit hätte nicht günstiger sein können, denn die Stahlbranche steht im Fokus der Dekarbonisierung und Innovation. Nun könnte man etwas hämisch sagen, dass es genau unsere ausgedienten Fahrzeuge sind, die als Schrott eben in diesen Werken im Sinne der Kreislaufwirtschaft landen. Aber für uns lag natürlich dieser Gedanke fern, als vielmehr jener, in der beeindruckenden Industriekulisse das passende Hintergrundmotiv für unsere Sterne zu finden. Die Öffentlichkeitsarbeit der EKO Eisenhüttenstadt hatte sogleich viel Sympathie für unser Anliegen, und: Da es keinen Werkbus gibt, durften wir als Kolonne mit unseren Mercedes auch auf´s Werksgelände!
Nun ist Eisenhüttenstadt aber ein Ort, dessen geschichtliche Bedeutung eng mit der des Stahlwerkes verbunden ist. Ist sie doch im Kontext mit diesem ebenso auf dem Reißbrett entstanden. Mit seiner stilreinen Stadtkulisse stellt Eisenhüttenstadt, das bei seiner Gründung noch Stalinstadt hiess, nicht nur ein architektonisches Zeugnis und Welterbe sozialistischen Stadtbaus dar. Sich mit unseren 50er und 60er Jahre-Fahrzeugen in diesem Flächendenkmal zu bewegen ist auch eine Fahrt wie durch einen Zeittunnel. Das bewog mich, diese „Befahrung“ auch auf schwarz-weiß mit meiner Pentacon Six Mittelformatkamera und im laufenden Bild mit meiner BAUER 88 D Normal 8 – Filmkamera festzuhalten. Beide fallen in dieselbe Bauzeit. Aber davon später einmal.
Auf unserer Fahrt in den äußersten Osten Deutschlands tauchten wir ein in die grünen Wälder des Spreewalds, wo wir uns im Schloss Lübbenau sammelten. Dass imposante Gebäude wird von den Nachfahren der 1945 vertriebenen von Lynar als ****Schlosshotel geführt. Die von Lynars gehörten dem Widerstand gegen das Hitlerregime an, weshalb nach der Wende die Rückübertragung erfolgte. Für viele zwischen Berlin und Dresden ist Schloss Lübbenau eine feste Adresse für Familienfeiern und eine Auszeit im Spreewald. Doch nicht auf Kähnen, sondern auf vier Rädern setzten wir uns dann frühmorgens durch noch leichten Nieselregen nach Eisenhüttenstadt in Bewegung. Es war eine Fahrt durch Leere und kleine Orte mit der typisch ländlichen Brandenburger Kulisse, die sich nicht erst seit Dieter Moor für manchen in einen Sehnsuchtsort verwandelt hat. Das Auftauchen von Eisenhüttenstadt in diesem „Outback“ mit seiner Stahlwerksilhouette am Horizont hatte schon etwas Futuristisches an sich. Doch in Wirklichkeit war es ein Sprung in die Vergangenheit. Da merkte man gleich: Hier gibt es ´was zu entdecken. Doch das erzählen die Bildunterschriften!
Am vereinbarten Ort angekommen, wurden wir in der sogenannten Stahl-Hütte, einem Glaspavillon aus DDR – Zeiten, der heute als Medien- und Empfangszentrum des Stahlwerkes dient, per Film in das Werk eingeführt. Dann hieß es aufsitzen und: Abfahrt zur Schicht!
Das Werk: Die Errichtung des Stahlwerks Eisenhüttenstadt, ursprünglich Eisenhüttenkombinat Ost (EKO), erfolgte nicht lange nach der Gründung der DDR, am 18. August 1950 im Kontext des Kalten Krieges. Mit der deutschen Teilung hatte die DDR ihre metallurgische Basis verloren. Der Bau schritt rasch voran: Am 1. Januar 1951 wurde der Grundstein für den ersten Hochofen gelegt. Bereits am 19. September 1951 lieferte der erste von sechs Hochöfen das dringend benötigte Roheisen. Der ursprünglich geplante „metallurgische Kreislauf“ wurde nicht vollständig umgesetzt, sodass das Werk nach Aufnahme des Kaltwalzbetriebs 1968 und der Inbetriebnahme des Konverterstahlwerks 1984 weiterhin keine eigene Warmwalzstraße besaß. Warmwalzanlagen galten als technologisch wichtig, wurden aber mehrfach durch wirtschaftliche und politische Entscheidungen zu DDR-Zeiten zurückgestellt oder gestoppt. Der produzierte Rohstahl zum Warmwalzen erfolgte in anderen Werken, sogar auch des westlichen Auslands, wie Salzgitter, oder in der Sowjetunion. Das Konverterstahlwerk plante und baute man zusammen mit der österreichischen Voest Alpine. Der Auftrag wurde auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1981 vergeben, mit einer geplanten Bauzeit von 40 Monaten. Es diente dazu, im Werk eine moderne Sauerstoffblasstahltechnologie einzuführen, welche damals in der DDR und im RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) technologisch kaum verfügbar war. Das Ziel war eine Modernisierung und Effizienzsteigerung der Stahlproduktion. Eine Warmwalzstrecke wurde erst 1997/98 in Betrieb genommen.
Nach der Wende wurde das Stahlwerk privatisiert und mehrfach umbenannt. Zuletzt firmierte es unter ArcelorMittal Eisenhüttenstadt und ist damit Teil eines der größten Stahlhersteller der Welt. Heute ist es spezialisiert auf hochwertige Flachstahlprodukte, die besonders in der Automobil-, Haushaltsgeräte- und Bauindustrie nachgefragt sind. Zudem profitiert es von seiner günstigen geografischen Lage als Tor zu den Märkten in Mittel- und Osteuropa. Als einer der modernsten integrierten Hüttenstandorte Europas mit einer jährlichen Rohstahlproduktion von bis zu 2 Millionen Tonnen und etwa 2.700 Beschäftigten gehört es zu den größten industriellen Entwicklungskernen in Ostbrandenburg. Damit steht es hinter größeren Werken wie ArcelorMittal Bremen (2,9 Millionen Tonnen), Salzgitter (4,9 Millionen Tonnen) und thyssenkrupp Steel Europe (7,7 Millionen Tonnen), aber vor einigen Elektrostahlwerken und anderen Standorten in Deutschland. Eisenhüttenstadt ist somit einer der bedeutenden Stahlproduzenten in Deutschland.
Die Rohstoffbasis und energetische Transformation: Das Stahlwerk bezieht das Eisenerz aus eigenen Gruben im Ausland, testweise kommt auch Roheisen aus Vorprodukten wie Eisenschwamm zum Einsatz, der für die zukünftige grüne Stahlproduktion eingesetzt werden soll. Koks und Kalkstein stammen aus Polen und werden ebenfalls über die Schiene angeliefert. Wie die gesamte europäische energieintensive Industrie, unterliegt das Stahlwerk Eisenhüttenstadt starkem politischen und ökologischem Druck zur Dekarbonisierung seiner Produktionsprozesse. Lange Zeit galt ArcelorMittal als Vorreiter der grünen Transformation. An seine Werke in Bremen und Eisenhüttenstadt wurden noch unter der Ampelregierung Förderbescheide in Höhe von 1,3 Mrd Euro ausgereicht, zur Produktion von grünem Stahl mit Hilfe von Direktreduktionsanlagen, die Wasserstoff als Energieträger nutzen sollen. Anfang Juni kam dann der Rückzieher; ArcelorMittal verwarf die Förderung, da der Umstieg auf Wasserstoff nicht wirtschaftlich sei. Damit steht das Werk nicht allein. Man hört zunehmend Zweifel an der Realisierbarkeit des Umstiegs: Fehlende H2-Infrastruktur, billiger, da subventionierter Importstahl, Unsicherheiten durch unklare Politik und Regulierung sowie der noch nicht funktionierende Wasserstoffmarkt sind Hemmnisse für die rasche Umstellung auf Wasserstoff in der energieintensiven Industrie Deutschlands. ArcelorMittal werde sich in Bremen und Eisenhüttenstadt dennoch auf die Planung zum Bau von Elektrolichtbogenöfen konzentrieren, um vorbereitet zu sein, wenn diese Art der Produktion wirtschaftlich sinnvoll ist, hieß es.





Die Stadt: Eisenhüttenstadt wurde ab 1950 als erste Planstadt der DDR errichtet. Sie entstand nach einem städtebaulichen Entwurf, der den Prinzipien des sozialistischen Klassizismus folgte. Der Stadtplan orientierte sich an breiten Magistralen statt kleinen Gassen und Marktplätzen. Die Architektur der ersten Wohnkomplexe I–III aus den 1950er-Jahren zeichnet sich durch monumentale Gebäude im sogenannten „Zuckerbäckerstil“ aus, mit ornamentalen Verzierungen, Arkaden und Balkonen. Später, bedingt durch notwendige Kosteneinsparungen, wurden einfachere Plattenbauten errichtet. Insgesamt wurden sieben solcher Wohnkomplexe erbaut, mit zentralen Kindergärten und Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und Kulturbetrieben. Nach der Wende erlebte Eisenhüttenstadt einen Strukturwandel. Für ursprünglich 40000 Einwohner gebaut (zu Spitzenzeiten hatte die Stadt gut 53000 Einwohner), erlebt Eisenhüttenstadt seit der Wende mit dem Verlust der Arbeitsplätze im Stahlwerk einen starken Bevölkerungsrückgang, Tendenz weiter fallend. Dennoch wurden die ersten repräsentativen Bauwerke saniert, so etwa die Großgaststätte „Aktivist“ und die Wohnkomplexe I–III. Die Stadt gilt heute als einzigartiges Flächendenkmal der sozialistischen Stadtplanung und steht unter Denkmalschutz. Wirtschaftlich bleibt Eisenhüttenstadt ein traditioneller Industriestandort mit dem Stahlwerk als bedeutendem Arbeitgeber. Es gibt Bemühungen, den Strukturwandel mit neuen Wirtschaftsansiedlungen und Innovationsprojekten zu fördern. Gleichzeitig werden Initiativen wie das „Probewohnen“ gestartet, um die Einwohnerzahl zu stabilisieren und dem Fachkräftemangel und – nicht zuletzt – dem Verfall der historischen Wohnbauten entgegenzuwirken.





Die Gebäude in der Lindenallee (ehemals Leninallee) aus der zweiten Bauetappe noch mit Satteldach, aber schon ohne Fassadengestaltung. Man findet sie mit den dazugehörigen Ladenzeilen in vielen ostdeutschen Städten. Einst stand hier noch eine Reihe Glasschaukästen auf der heutigen Grünfläche. In der Bildmitte ein Wohnblock aus der letzten baulichen Erweiterung der Stadt um 1960. Die Zeile drückt sehr schön den Wandel vom sozialistischen Klassizismus zur sozialistischen Spätmoderne aus. Die Leninallee/Lindenallee ist das städtebauliche Herz der Stadt. Geplant wurde sie vom Architekten Kurt W. Leucht, der auch an der (Ost-) Berliner Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) mitwirkte
Das Pflaster und die großformatigen Granitplatten stammen ebenso noch aus der Errichtung Eisenhüttenstadts. Leere Straßen erinnern an die Aufnahme der oben gezeigten Postkarte. Auch hier ist der Mercedes nicht aus „der Zeit gefallen“. Allein am Nummernschild erkennt man die Gegenwart. Pedanten könnten sich auch an den gelben Nebelscheinwerfern stoßen, die ihn als „Franzosen“ verraten. (Analoge Aufnahme im 6×6 Mittelformat).




