Eine Ausfahrt zum Brückenkopf Jülich mit Picknick auf den Wiesen vor der Anlage – eine Ausfahrt, so wie sie früher einmal war ?
Ein Essay von Christian Riegel
Sicherlich werden Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich fragen, was meint denn unser PK-Literat Christian mit einem Essay? Was ist das überhaupt?
Hierzu eine kurze Erläuterung: In einem Essay setzt man sich mit „einer kritischen Fragestellung auseinander und entwickelt einen persönlichen Standpunkt dazu“ und manchmal gewinnt man sogar Erkenntnisse, die in eine Moral oder Lebensweisheit münden können (vergl. Duden).
Die kritische Fragestellung, wie sie in der Überschrift angedeutet wird, ist seit Jahren ein Dauerbrenner. Sie ergibt sich aus der langjährigen Mitgestaltung von clubinterner und eigener Ausfahrten, die allesamt ein hohes Maß an Komplexität und Organisationskunst aufweisen. Man fragt sich, geht das nicht alles ein wenig bescheidener, also so wie früher? Das Bestreben, sich stetig steigern zu müssen, schleicht sich immer wieder ein, sodass sehr schnell eine eigentlich nicht gewollte Leistungsspirale in Gang gesetzt wird. Eine parallel dazu stetig ansteigende Kostenentwicklung schreckt so manchen ab, sich bei einer Organisation zu beteiligen (s. Aufrufe im Pk).
Was bleibt ist ein ungutes Gefühl, dass sich unsere „Großveranstaltungen“ in elitäre Treffen für den gehobenen Geldbeutel entwickeln könnten, was der Leitidee unserer Gründungsväter diametral widerspräche. Gerne appelliere ich schon mal in Richtung „back to the roots“, also zur Bodenständigkeit und bin bereit, als gutes Beispiel in diesen Bereichen voran zu gehen. Da kommt mir doch die diesjährige Ausfahrt zur Saisoneröffnung am 1. Mai gerade recht, ich denke mir, probiere es doch mal aus – jetzt oder nie.
Gewöhnlich kündigt sich die Oldtimersaison im Nachbarort durch die Rheinbach Classics an. Diese fällt aber dieses Jahr zum dritten Mal in fünf Jahren aus. Somit hatte auch ich seit geraumer Zeit bereits Anfragen nach gelegentlichen Mitfahrten zu ähnlichen Oldtimertreffen. Das macht einen doch stolz und man lässt sich da keineswegs lumpen, immerhin hat man ja auch mittlerweile eine große Limousine, eine Flosse, die für sechs Personen zugelassen ist. So zähle ich alsbald auch sechs Mitfahr-Nasen, wobei zwei einer Hunderasse zugeordnet werden müssen.
Natürlich geht man bei solch einem Event nicht essen, sondern grillt auf der Wiese – so wie früher eben, back to the roots.
Kurz vor der Fahrt wird die Flosse wie gewohnt „mal eben durchgesehen“. Sie ist ja eigentlich in Ordnung und „allzeit startbereit“; trotzdem entdecke ich immer wieder etwas Neues: Dass ich bereits im März wegen verbrannter Kontakte der Marke „Billignachfertigung“ schon mal auf dem Abschleppwagen des ADAC stand, verschweige ich geflissentlich – passt einfach nicht in das Bild eines soliden Fahrzeuges der 60er Jahre. Aber, dass mein Kofferraum für den heutigen Alltags-Grill, einem sog. Smoker, zu klein ist, überrascht mich bei dieser Gelegenheit doch. Einen kleineren Grill zusätzlich zu kaufen, wäre nicht nachhaltig, ihn auseinander zu nehmen und vor Ort wieder aufzubauen, viel zu aufwendig. Also setze ich mal auf die Hoffnung, dass vom Club schon jemand einen Grill mitbringen wird. Als Dankeschön werde ich einen „Ausgeben“ und kaufe reichhaltig Getränke ein: Bier mit und ohne Alkohol, Cola ohne Zucker und Coffein oder mit allem, Limo verschiedenster Geschmacksrichtungen mit und ohne Zucker, Mineralwasser mit und ohne Kohlensäure … hinzu noch das ein oder andere Kalt-Getränk. Der Kofferraum nimmt so Einiges auf, das wusste ich ja noch aus alten Taxifahrerzeiten. Und nun das Camping-Equipment? Nein, das bleibt zu Hause. Stühle, Tisch, Schirm und der ganze Camping-Klimbim befinden sich erstens in einem anderen Fahrzeug und zweitens hatten wir das früher auch nicht (mit). Decke genügt, basta! Aber die Kühltaschen mit Würstchen, Fleisch, Kartoffel- und Krautsalat sowie einige Knabbereien und Kuchen müssen auf jeden Fall noch rein und wie hätte ich es vergessen können … die Versorgungsutensilien für die Hunde.
Einen Notfallkoffer gab es früher noch nicht und die Werkzeugkiste passt sowieso nicht mehr hinein, selbst ein Flossenkofferraum hat seine Grenzen. Jetzt noch für Mensch und Maschine die letzten Kleinigkeiten erledigen wie Flüssigkeitskontrolle, Tanken gehen, Telefon, Papiere, Portemonnaie, Alltagsmedikamente, Sonnencreme bereit legen … es könnte schon losgehen!
Inzwischen musste leider ein Frauchen plus Hund absagen, folglich sitzen am Morgen des 1. Mai nur noch vier Nasen im Auto. Pünktlich um 8.30 Uhr starten wir zum Bonner Treffpunkt auf der Hardthöhe (Verteidigungsministerium). Da unser Ziel getreu nach Grönemeyer „tief im Westen“ liegt, treffen wir uns an der westlichen Peripherie, um ja nicht den Innenstadtverkehr zu beeinträchtigen. Wir fahren auf den Parkplatz an der Hauptwache vor, da stehen sie schon, unsere Kameraden in Reih und Glied, vom Nachkriegs 170er bis zum modernen E 210 – Cabrio in allen Ausführungen: Von der Buchhalterausstattung bis zu den Komfortlimousinen der S-Klasse-Dickschiffen. Den Dicksten fährt natürlich Werner Ottersbach, seinen berühmten blau-roten Langschnauzer LKW L 6600. Ein sensationelles Bild, meine Beifahrer kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Bernd Korittke, unser Stammtisch-Leiter, hat wie immer ein hervorragendes Roadbook erstellt, sodass wir nicht als Kolonne, sondern mehr oder weniger als Einzelfahrer auftreten können. Die Stimmung im Fahrzeug ist aufgrund der Oldtimer- Parade sehr lebhaft, aber dank der detaillierten Streckenbeschreibung problemlos – bis Jülich Innenstadt. Dank des heutigen kleinen Hilfsmittels, dem Smartphone, wird aber auch diese kleine Klippe gut überwunden. Frage aus dem Innenraum: „Musstet ihr das früher mit Karten bewältigen?“ – Ja, mussten wir, Gott sei Dank, diese Zeiten sind vorbei.
Die Einfahrt auf den Parkplatz Brückenkopf Jülich ist gigantisch. Neben einer Flut von Besuchern ist ein Parkplatz für gut 100 MBIG-Fahrzeuge reserviert und fast schon voll besetzt. Dazwischen immer wieder Freiflächen für die aufzubauenden Picknickinseln. Wer hat das mal wieder so toll organisiert?!
Trotz Bewunderung fährt mir ein gehöriger Schrecken durch die Knochen. Unglaublich, wie sollen wir hier ohne Sitzgelegenheit, ohne Sonnenschirm und ohne Grill den Tag verbringen? Und das Ganze bei Temperaturen knapp unter 30° C? Habe ich da etwas übersehen?
Klar, ich hatte schlichtweg vergessen oder wollte es wohl nicht wahr haben, dass ich seit meiner Pfadfinderzeit mehr als 50 Jahre älter geworden bin, hohe Temperaturen nicht mehr so gut vertrage und wenn ich einmal auf dem Boden sitze, nicht mehr so flott auf die Beine komme. Die Unterschiede von damals zu heute brauche ich wohl nicht weiter zu beschreiben. Ratlosigkeit ist angesagt.
Thomas Siekmann, der Aachner Stammtischleiter und heutige Ausrichter, begrüßt die Besucherschar und weist auf die bevorstehenden Führungen hin: Eine findet direkt in der Festungsanlage, die andere im Park bzw. im Umfeld statt. Aha, das schafft zumindest etwas Zeit, um nach geeigneter Sitzgelegenheit zu schauen. Aber anstelle einer Pause, war Aufpassen angesagt, gut so, wäre da nicht der Hinweis gekommen, dass der Zutritt für Hunde sowohl in der Festungs- als auch in der Außenanlage verboten sei. Tief durchatmen. Da stehe ich nun da im kurzen Hemd, ohne jegliche Möglichkeit, irgendwo einen Platz zu ergattern. Zur Not müsste die Stoßstange herhalten, doch nein, nein, auf gar keinen Fall, die ist doch viel zu heiß. Als ich noch so vor mich hin sinniere und schon die im Park vorhandene Gastronomie in Betracht ziehe, begrüßt mich Alex Schwartz vom Stammtisch Aachen und bietet uns, meinem Besuch und mir, einen Platz unter dem Aachner Pavillon an. Er trägt ein blaues T-Shirt mit der Aufschrift „Orga“. Aha, die Aachner Gruppe hat kapiert, ohne filigrane Organisation geht es heute nicht mehr! Die Größenordnung der Clubmitglieder mit entsprechend hoher Anzahl an Fahrzeugen verbietet mehr oder minder ungeplantes Handeln und lässt bestenfalls spontanes in Notfällen zu.
„Und grillen könnt ihr bei uns auch“ fährt Alex fort und zeigt auf den im Aufbau befindlichen Grill. Der Sprinter einer uns wohlgesonnenen Mercedes Niederlassung diente zum Transport der gesamten Grill- und Ess-Station. Unsere Notsituation ist dank dieser hervorragenden Organisation gerettet, selbst als der Besuch etwas ungläubig fragt, „das habt ihr alles ohne offizielle Unterstützung auf die Beine gestellt?“
Die Antwort bezüglich meiner ursprünglichen Absicht „ wie früher ohne großen Aufwand einfach mal ins Blaue zu fahren und dort zu grillen“ verschweige ich wohlweislich und erkenne lobend an „Alles Privatinitiative des Stammtisches Aachen, Dafür nochmals ein dickes DANKESCHÖN!“
Nach ca. zwei Stunden Besichtigung der französischen Bastion und des Freigeländes kommen die ersten Gruppen „etwas geschafft“ zurück. Von meinem Kundschafter Lars erfahre ich nicht viel, außer dass der Brückenkopf über die Rur schon zur Römerzeit eine strategische Bedeutung hatte und zur Franzosenzeit von 1799 – 1808 erstellt resp. ausgebaut wurde. Für Napoleon war es der direkte Weg zum Rhein. Der Bau der Bastion war nach seiner Meinung allerdings völlig überdimensioniert und damit nicht zu seiner Zufriedenheit. Geblieben ist ein empfehlenswertes Freizeitgelände in der Umgebung Jülichs.
Nach einem ausgiebigen Mahl im Schatten kündigt sich die Heimfahrt an. Mein Mitfahrer Bernd hatte sich bereits am Vormittag als exzellenter (Berufskraft-) Fahrer bewiesen, was ihm auch auf dem Rückweg die Ehre einbrachte, die Flosse zu pilotieren. Eine bleierne Müdigkeit überfällt mich auf dem Beifahrersitz und im Halbschlaf kommt mir das Lied „I have a dream“ in den Sinn – ich träume von einer gut organisierten Veranstaltung in einem komplexen Rahmen, ich träume von einem Team, das all seine Erfahrung zum Gelingen einbringt und stets helfend zur Seite steht…
Vorläufig ein Traum, aber mit der Erkenntnis, dass bei solchen Veranstaltungen eine gewisse Professionalität von Nöten ist.
Solltet ihr meinem Traum keinen Glauben schenken, dann schaut selbst auf den Seiten 5 und 13 der Ausgabe 2/25 nach. Ich freue mich jedenfalls schon auf die nächste Großveranstaltung und wünsche dem Team eine glückliche Hand bei der Planung und viel Erfolg.
Fotos:
Bernd Korittke
Dr. Manfred Heints
Thomas Siekmann.







































